Stefan Schumacher

Der harte Weg in die Weltspitze

Anfänge

Sagen wir es so: Es ist kein allzu gelungener Start, den Stefan Schumachers Radkarriere feiert. Wir schreiben das Jahr 1995, zum ersten Mal nimmt der 14-Jährige an einem Straßenrennen der Schüler teil. Stefan ist jung. Stefan ist wild. Stefan ist hoch motiviert. Aber vor allem: Stefan ist unglaublich chancenlos. „Das habe ich mir etwas einfacher vorgestellt“, sagt er später. Und vielleicht gibt es damals den ein oder anderen Beobachter, der zu einem nahe liegenden Urteil kommt: Dass dies vielleicht ein guter Zeitpunkt für Stefan wäre, seine Radsportkarriere umgehend zu beenden.
Doch der 14-Jährige denkt gar nicht daran. Im Fernsehen hat er gerade erst gesehen, wie Miguel Indurain mit stoischer Ruhe die Alpen hochgefahren ist und seine fünfte Tour de France gewonnen hat. „Das hat mich beeindruckt“, erzählt Stefan, „so wollte ich auch werden.“
Also trainiert er. Erst beim RSC Nürtingen, dann bei der LG Stuttgart, wo er auch Coach Hartmut Täumler kennenlernt. Mit ihm spricht sich Stefan noch heute wegen der Trainingsinhalte ab. Die Erfolge lassen nicht lange auf sich warten. Stefan hat Talent. Aber was noch viel wichtiger ist: Er hat den absoluten Willen.
Das ist auch in puncto Schule kein Fehler. Es gibt Wochen, in denen Besuche von Stefan im Klassenzimmer eher sporadischer Natur sind, er ist freigestellt für die Rennen. Trotzdem schafft er das Abitur – und er schafft auch sportlich den nächsten Schritt: Er fährt für die U-23-Manschaft des großen Teams Telekom. Er überzeugt, was der Truppe aber nicht so sehr viel weiterhilft. Zum Ende des Jahres 2001 wird sie aufgelöst. Aber Stefan fällt weich: Der 20-Jährige erhält einen Profivertrag bei Telekom.

Team Telekom (2002-2004)

Stefan glaubt am Ziel seiner Träume zu sein. Telekom. Das ist damals Jan Ullrich, Erik Zabel, Glanz und Glamour. Das erste Teamtreffen findet in einem Luxushotel am Tegernsee statt. Stefan kommt aus dem Staunen kaum noch raus und sagt: „Mensch, Profi bei Telekom – das ist es doch, wovon jeder Radprofi in Deutschland träumt. Ich habe es jetzt geschafft.“ Viel Lob gibt es auch von Peter Becker, dem Entdecker von Jan Ullrich, der erklärt: „Stefan ist ein Allrounder. Er kommt gut über die Berge, kann Zeitfahren und ist auch im Sprint nur schwer zu schlagen.“
Schade nur, dass man bei den Verantwortlichen des Rennstalls davon keine größere Notiz nimmt. Stefan wird nur in kleineren Rennen eingesetzt, darf nie auf eigene Rechnung fahren – und als er ein Jahr später wegen einer längeren Erkrankung ausfällt, verzichtet Telekom auf eine Vertragsverlängerung. Viel ist nicht mehr übrig geblieben vom Glanz und Glamour des Beginns, es steht nicht gut um die Karriere des Stefan Schumacher. Aber er gibt nicht auf und steigt freiwillig ab – in die dritte Liga des Radsports, zum Team Lamonta. Was folgt, ist der Beweis, dass einen auch ein Schritt zurück nach vorne bringen kann.

Team Lamonta (2004)

Bei Lamonta darf Stefan endlich das, was er am besten kann: auf eigene Rechnung fahren. Es sind nicht die großen Rennen, bei denen er auf sich aufmerksam macht. Aber Stefan erzielt konstant gute Ergebnisse und sorgt bei den Deutschen Meisterschaften für einen Paukenschlag. Wie die tapferen Gallier bei Asterix kämpft er wacker gegen die Übermacht von Telekom und Gerolsteiner, den beiden großen deutschen Rennställen. „Da kannst du dich als Einzelkämpfer auf die Füße stellen und mit den Ohren wackeln“, sagt Stefan danach, „aber da hast du keine Chance.“ Dafür hat er sie ganz gut genutzt. Er wird sensationell Zweiter hinter Andreas Klöden. Es folgt der nächste Schritt nach oben – Stefan wechselt zum zweitklassigen Team Shimano-Memory Corp und erklärt: „Ich will nicht irgendwann meine Karriere beenden und sagen: Der zweite Platz bei den Deutschen Meisterschaften 2004 war mein größter Erfolg.“

Team Shimano-Memory Corp (2005)

Es ist das Jahr, in dem Stefan der Durchbruch in die erweiterte Weltspitze gelingt. Die Zeit bei Lamonta hat sein Selbstvertrauen gestärkt. „Ich habe gemerkt, dass ich das Zeug dazu habe, mit den Großen mitzuhalten.“ Stefan gewinnt die Ster Elektro Toer und die Niedersachsen-Rundfahrt. Für das meiste Aufsehen sorgt er jedoch beim Klassiker Amstel Gold Race, bei dem er 16. wird, aber bis zum Schluss ganz vorne mitfährt. „Das Rennen liegt mir“, sagt Stefan, „ich weiß, dass ich es eines Tages gewinnen kann.“ Das traut ihm auch Hans Holczer zu. Der Gerolsteiner-Teamchef verpflichtet Stefan. Der Nürtinger ist wieder dort angekommen, wo er hinwollte: In der ersten Liga, der Beletage des Radsports.

Team Gerolsteiner (seit 2006)

Aus dem schüchternen Kerl, der zu Beginn seiner Profikarriere bei der Telekom-Teampräsentation in einem Luxushotel noch Bauklötze staunte, ist ein selbstbewusster Radprofi geworden. Ein Siegfahrer, über den sein Manager Heinz Betz sagt: „Er ist ein Ausnahmetalent mit überragende Fähigkeiten, ein echter Siegfahrer."
Das beweist er gleich in seinem ersten Jahr. Er gewinnt drei Rundfahrten (Circuit de la Sarthe, ENECO-Tour, Polen-Rundfahrt), aber vor allem: Er sorgt bei Giro d’Italia für Furore. Stefan gewinnt zwei Etappen und trägt für kurze Zeit sogar das Rosa Trikot des Gesamtführenden. Die deutschen Zeitungen schreiben vom „Rosa Schumi“ – und die italienischen Zeitungen sehen sich mit einem großen Rätsel konfrontiert. „Sagen Sie mal, Herr Schumacher“, fragen sie, „sind Sie eigentlich mit Michael Schumacher verwandt?“ Er erklärt ihnen, dass in Deutschland viele Menschen Schumacher heißen. Aber das kann die Journalisten nicht irritieren. Deutsche, die Schumacher heißen und in Italien Erfolge feiern, sind ihnen aus Prinzip sympathisch. Stefan befindet sich auf einer Welle der Euphorie. Am Ende des Jahres wird er Zehnter in der Pro-Tour-Wertung, und sein Teamchef schwärmt: "Er hat Gerolsteiner einige Sternstunden beschert.“
Es sollten nicht die letzten bleiben. 2007 knöpft Stefan an seine starken Vorjahresleistungen an. Er gewinnt die Bayern-Rundfahrt – und lässt seinen Worten Taten folgen. Immer und immer wieder hatte er betont, dass er in der Lage sei, den Klassiker Amstel Gold Race zu gewinnen. 2007 beweist er es. Im Schlussanstieg lässt er die gesamte Weltspitze stehen und feiert den bis dahin größten Erfolg seiner Karriere. Danach hat er vor allem noch ein Ziel: „Ich will bei der WM in Stuttgart vor meiner Haustür ganz oben stehen.“ Dafür schuftet er wie verrückt, reißt eine Trainingseinheit nach der anderen herunter und setzt sich bei der Spanien-Rundfahrt nach den Etappen noch einmal für zwei, drei Stunden aufs Rad. Die Schufterei zahlt sich aus – auch wenn Stefan sein Ziel knapp verpasst. Er wird Dritter, ist aber trotzdem zufrieden: „Ich habe gezeigt, dass ich auf Ansage starke Leistungen abrufen kann.“ Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Tour de France 2008

Man muss sich die Szenerie während der früheren Frankreich-Rundfahrten im Hause Schumacher folgendermaßen vorstellen: Stefan saß zusammen mit seinem Vaster vor dem TV_Gerät, staunte Bauklötze und erklärte beim Anblick eines Mannes im Gelben Trikot: "Papa, das möchte ich auch mal tragen." Wahrscheinlich hat ihm sein Vater dann milde über den Kopf gestreichelt und etwas gemurmelt, was sich anhörte wie: "Ja, ja, schon gut, Stefan."
Am 8. Juli 2008 ist  es soweit.
In Cholet steigt Stefan nach einem Einzelzeitdfahren über 29,5 Kilometer auf das Podium. Er ist nicht nur der Schnellste im Kampf gegen die Uhr - er übernimmt damit auch die Gesamtwertung. Er ist erst der 13. Deutsche der das begehrte Kleidungsstück überstreifen darf. Ihn überkommen die Emotionen, er küsst das Gelbe Trikot und sagt: "Für mich geht ein Traum in Erfüllung." Er geht genau eine Etappe lang. Schon an seinem zweiten Tag in Gelb verliert der Nürtinger die Gesamtführung wieder. So unglücklich, dass man es fast nicht glauben will. 200 Meter vor dem Ziel stürzt er. Schumi kann nichts dafür - aber das Gelbe Trikot ist weg. Doch stefan lässt sich nicht hängen, sorgt mit mutigen Attacken für Furore - und gewinnt auch das zweite Einzelzeitfahren der Tour. Am ende ist er als 25. bester Deutscher und zieht zufrieden Bilanz: "Diese Tour war ein unglaubliches Abenteuer." Das kann er laut sagen.